Ein Plädoyer gegen Polarisierung

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Stellungnahme des DGA-Vorstands zu den geopolitischen Auswirkungen der Coronakrise und zur Rolle der modernen Asienwissenschaften

[English version below]

Seit etwa einem halben Jahr hält Covid19 und die damit verbundene Pandemie die Welt in Atem. Was mit Gerüchten aus China über ein neues und eigenartiges Coronavirus begann, wandelte sich schnell in eine Diskussion über systemische Faktoren seiner Verbreitung und zeigte bald darauf, wie wenig Regierungen unterschiedlichster politischer Systeme auf eine Herausforderung dieses Ausmaßes vorbereitet waren. All das geschah vor dem Hintergrund des Aufwinds, den Protektionismus und Nationalismus in den Jahren vor dem Ausbruch erlebten. Dieser Aufwind wurde auch durch die Verschlechterung der chinesisch-amerikanischen Beziehungen verstärkt, welche sich der Welt in Form eines sogenannten Handelskriegs darbot. Und nun sehen wir uns im Sommer 2020 mit Spekulationen über eine De-Globalisierung, mit Vorschlägen zur Entkopplung von Ökonomien, mit Kalte-Kriegs-Szenarien und mit wachsendem Machtpoker in Asien konfrontiert.

Die Situation ist ernst und die Vorstandsmitglieder der Deutschen Gesellschaft für Asienkunde, einer Gesellschaft, die erfahrene Wissenschaftler*innen, Student*innen, und weitere Asienexpert*innen aus außeruniversitären Bereichen vereint, sind besorgt. Unsere Sorge betrifft zahlreiche Aspekte, insbesondere die folgenden:

  • Die öffentliche Betrachtung der aktuellen Entwicklungen fokussiert sehr auf die amerikanisch-chinesischen Beziehungen und trägt damit zu der Idee bei, dass Ländern und Unternehmen letztlich zwischen den beiden Parteien des Konfliktes wählen müssten. Kalte-Kriegs-Rhetorik und Entkopplungsphantasien werden kombiniert, als gäbe es keine Alternativen. Für viele Länder in Asien und Europa ist das in Anbetracht der über die letzten Jahrzehnte entstandenen komplexen globalen Wertschöpfungsketten aber keine vernünftige Wahl. Gleichzeitig konzentrieren sich Berechnungen der damit möglicherweise verbundenen Kosten und Nutzen meist auf eine geringe Auswahl von Ländern, wenn nicht nur auf die USA und China. In der Praxis wären die Folgen sehr viel weitreichender. Tatsächlich ist dieses Szenario aber nicht ohne Alternativen. Sofern andere Länder sich zusammentäten und gegen dieses Entweder-Oder-Narrativ angingen, könnten neue Optionen aufgezeigt werden.
  • Die Beschränkungen, die mit der Bekämpfung von Covid19 einhergehen, treffen den akademischen Austausch und die grenzüberschreitende (Feld-)Forschung hart. Das gefährdet nicht nur die Forschung als solche, sondern auch die Gespräche und persönlichen Beziehungen, die damit normalerweise einhergehen und die direkt und indirekt zum gegenseitigen Verständnis beitragen. Digitale Lehre und die sogenannten sozialen Medien können die Anregungen nicht ersetzen, die sonst aus dem direkten intellektuellen Austausch und der persönlichen Erfahrung vor Ort entstehen. Leider werden diese Fragen bei den aktuellen Beschränkungen des studentischen und akademischen Austauschs oder Überlegungen zu Visaregelungen kaum beachtet. Manchen Ländern scheint das Coronavirus sogar als Ausrede für Beschränkungen der akademischen Kooperation entgegenzukommen.
  • In diesem Zusammenhang wird häufig die Bedeutung von akademischen Disziplinen jenseits der Naturwissenschaften, Medizin und Wirtschaftswissenschaften etc. vernachlässigt. Gerade die Covid19-Krise könnte Politiker*innen und Öffentlichkeit aber den Wert von – zum Beispiel – Asienwissenschaften verdeutlichen. Tatsächlich haben außerhalb Chinas Wissenschaftler*innen, die sich mit dem modernen Asien beschäftigen, als erste die Herausforderungen, die das Virus stellt, sowie die unterschiedlichen politischen Bewältigungsstrategien in Asien identifiziert (ebenso wie die Bedeutung der Schutzmasken). Dies geschah u.a. deswegen, weil sie ohnehin die Diskurse in den Ländern ihres Interesses verfolgen. Trotzdem ist es ihnen schwergefallen, für ihre Einsichten Aufmerksamkeit zu generieren.
  • Darüber hinaus wird die asienwissenschaftliche Gemeinschaft zunehmend selbst mit dem oben erwähnten Entweder-Oder-Narrativ konfrontiert. Von den Wissenschaftler*innen wird erwartet, dass sie sich positionieren, dass sie sich auf eine Seite schlagen. Der Versuch, in der aktuellen Situation neutral zu bleiben und Verständnis zu schaffen, statt zur Anheizung des Konfliktes beizutragen, wird ihnen entweder als Schwäche oder sogar als moralische Dekadenz ausgelegt. Wir akzeptieren es natürlich, wenn Wissenschaftler*innen sich im politischen Diskurs engagieren oder über ihre eigene Position zu kritischen Fragen unserer Zeit reflektieren. Wir wehren uns aber dagegen, dass Wissenschafler*innen angegriffen werden, weil sie bestimmte Positionen hinterfragen, hinter die Kulissen schauen oder Positionen beziehen, die dem „Mainstream“ entgegenstehen. Diese Dinge sind Teil dessen, was Wissenschaft ausmacht und sollten geschätzt werden. Virologen haben im Verlauf der Krise erfahren, wie ihre akademischen Diskurse in der Öffentlichkeit für Polarisierung missbraucht und sie persönlich angegriffen wurden. Leider beobachten wir, dass auch Asienwissenschaftler*innen Ähnliches erleben, wenn auch mit weniger medialer Begleitung.
  • Nicht zuletzt beobachten wir, dass der Diskurs über die Rolle, Erfahrungen und den Einfluss asiatischer Länder im Kontext der Pandemie, insbesondere der Diskurs über China, von Vertretern von Denkfabriken dominiert wird, die entweder durch die Parteien des dualen Konfliktes (mit-)finanziert werden oder wenig asienwissenschaftlichen Hintergrund haben. Während die universitären Wissenschaftler*innen mit der Aufgabe beschäftigt wurden, den Übergang zu digitaler Lehre aus dem Home Office heraus zu bewältigen, haben diese Denkfabriken in schnellem Tempo Berichte, Interviews und Prognosen produziert. Wir sprechen uns hiermit sicher nicht gegen die Arbeit von solchen Denkfabriken aus, wir möchten aber die Öffentlichkeit ermutigen, mehr Nutzen aus der unabhängigen Forschung und den Erkenntnissen der Wissenschaftler*innen zu ziehen, die unser öffentlich finanziertes Universitätswesen und andere politisch neutrale Forschungseinrichtungen hervorbringen.

Die Deutsche Gesellschaft für Asienkunde zählt es zu ihren Aufgaben, die in den Reihen ihrer Mitglieder vorhandene Expertise zu Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur in den Ländern Asiens sichtbarer zu machen. Regelmäßig erfolgt dies durch die Herausgabe der Fachzeitschrift ASIEN. Vor dem Hintergrund der Corona-Krise listet und verlinkt die DGA ab sofort einschlägige Beiträge ihrer Mitarbeiter in Medien und Fachpublikationen gesondert auf der Webseite der Gesellschaft, um sie so leicht für die Öffentlichkeit zugängig zu machen: http://aktuell.asienforschung.de/stimmen-unserer-mitglieder-zur-coronavirus-krise/


Beware the polarisation

Statement of the DGA board on the geopolitical consequences of the Corona crisis and the role of modern Asian Studies

For about half a year the world is now struggling with Covid19 and the related pandemic. What started with rumours from China about a new and weird coronavirus soon translated into a discussion about the systemic causes of its spread, only to later leave many governments of different system types unprepared for the scale of the challenge. While the virus itself is still not fully understood, we now face discussions about post-virus changes of the world. All this has happened against the background of a mounting wave of protectionism and nationalism over the years prior to the virus outbreak. Most importantly, the pandemic has added to the deterioration of China-US relations already witnessed by the world in the course of the so-called trade war. And here we are, in the summer of 2020, which abound with speculations about de-globalisation, decoupling of economies, cold-war scenarios and power play in the Asian region.

The situation is grave and the board members of the German Association of Asian Studies, an association of senior scholars and graduates as well as doctoral students specialised in research on countries of the region, are deeply concerned. Our concerns relate to numerous issues of which we would like to highlight the following:

  • The perspective on the current dynamics is very focused on the US-China relations and thereby caters to the idea that countries and companies eventually should choose between either party of the conflict. Cold war rhetoric and de-coupling fantasies are combined as if there were no alternatives. For many countries in Asia-Pacific and Europe this is no reasonable choice given the complex supply chain networks which have emerged over the past decades. However, calculations of the potential costs and benefits of such an approach more often than not focus on the impact on a small group of countries, and mostly on the US and China. In reality, the impact would go far beyond this. Indeed, the scenario hardly is without alternatives. If the rest of the countries joined hands to reign into this bifurcated narrative, new option could arise.
  • The restrictions that come with the fight against Covid19 deeply hurt academic exchange and cross-border research. This is not only dangerous for research as such, but also because these activities involve conversations and personal relations that contribute directly and indirectly to mutual understanding. Digital teaching and social media are poor substitutes for the vibe that comes with direct intellectual exchange and personal experience. Unfortunately, national policies and perspectives on student and scholar exchanges, visa regulations etc. currently neglect these aspects. Arguably, some countries even misuse coronavirus arguments as welcome pretext to reduce personal academic cooperation.
  • In this context, many countries neglect the importance of disciplines other than natural and medical science or economics. If anything, the crisis should teach politicians and the public about the relevance of, for example, Asian studies. In fact, scholars of contemporary Asia were among the first to understand the challenges of the virus and the different coping strategies in Asia (as well as the importance of mask wearing), if only they were used to observe discourses in the countries of interest. Attracting attention to their insight proved difficult, though.
  • In addition, the scholarly community is increasingly confronted with the bifurcated narrative mentioned above for their positioning as researchers. Scholars are expected to take sides. The attempt to stay neutral and contribute to understanding rather than fuelling the conflict is either interpreted as weakness or even as moral decay. We, of course, accept if scholars engage in political discourses or reflect about their personal position to critical issues of our time. However, we oppose any attack against scholars for their scholarly attitude of questioning positions, for looking deeper and for sometimes opposing to the mainstream. Doing these things is part of what scholars do and should be appreciated. Some virologist had to experience how their academic disputes were misused in public and became subject of personal attacks. Unfortunately, we observe that these problems also emerge for scholars in Asian studies, although this problem gets less media attention.
  • Last but not least, we observe that the discourse about Asian countries’ role, experiences and impact in this context, most prominently China’s role, seems to be dominated by representatives of think tanks with funding from interested parties or little Asian research background. While university scholars were confronted with the task of transitioning to digital teaching from home office, think tanks of all kinds were fast to produce papers, interviews and prophecies. We of course do not oppose the workings of think tanks, but we would encourage the public to make equal use of the independent research and scholars enabled by our public university system.

It is part of the mission of the German Association of Asian Studies to enhance the visibility of the expertise on Asian policics, societies, economies and cultures accumulated among its members. For this purpose, the association regularly published the academic journal ASIEN. Against the background of the corona crisis, the DGA additionally highlights relevant publications of members in newspapers and journals on the associations homepage to make them easily accessible for the interested public.
http://aktuell.asienforschung.de/stimmen-unserer-mitglieder-zur-coronavirus-krise/